24.10.2017

Omas Physik

Guido Bröer, Herausgeber

Unseren Wärmeverbrauch zu wenden – das ist nicht so einfach. Viel schwieriger jedenfalls als die Stromwende zu machen. Darin ist sich die Elite der einschlägigen Wissenschaft einig. Vergangene Woche traf sie sich zur FVEE-Jahrestagung „Forschung für die Wärmewende“ in Berlin. Da war viel von solchen Erschwernissen wie der „Interdependenz von Strom- und Wärmesektor“ die Rede und von der „sozio-kulturellen Heterogenität der Akteure“. Gerade über letztere wisse man noch zu wenig, was dann mitunter zu den gefürchteten Rebound-Effekten führe.

Neulich hat mich am eigenen Leib solch ein Rebound getroffen, als ich auf einen Kaffee bei Freunden in deren schickem KfW-Sowieso-Haus vorbeischaue. Geheizt wird mit Wärmepumpe. Als ich eintrete, trifft mich der Schlag. Draußen sind es herbstliche 7 Grad Celsius, drinnen mindestens 25. Damit mir der leckere Latte Macchiato aus der ökostrombetriebenen Kaffeemaschine nicht gleich aus allen Poren wieder herauskommt, muss ich nach der Jacke mindestens auch meinen alten Lieblingsfleecepullover (siehe Foto) ausziehen. Noch beflügelt vom Besuch bei den Solarforschern in Berlin drängen sich sofort Fragen auf wie diese: Wie ist die Klimabilanz von synthetischer Textildämmung direkt am Körper im Vergleich zu Styropor an einem EnEV-Gebäude, wenn man modebedingte Modellwechsel und Waschen über 50 Jahre mit einkalkuliert?
Was soll’s, die Freunde heizen mit gutem Gewissen und brauchen wahrscheinlich nicht viel mehr Primärenergie als meine Oma, die im Winter immer nur ein Zimmer warm hielt. Gleichwohl: Omas zwei thermodynamische Hauptsätze will ich auch in Zeiten der Energiewende gern weiterhin in Ehren halten: „Junge, zieh dich vernünftig an – du wirst sonst krank!“ Und: „Mach die Tür zu – wir heizen!“

In diesem Sinne!

Guido Bröer