Rettenbach – Ein zukunftsfähiges Idyll

RettenbachSolarbundesliga: Rettenbach am Auerberg krempelt die Ärmel auf. Seit das Dorf im Allgäu vor einem Jahrzehnt sein Schicksal selbst in die Hand genommen hat, ziehen die jungen Leute nicht mehr fort. Heimisches Gewerbe entwickelt sich, und die Landwirte gestalten ihre Zukunft. Zum zweiten Mal wurde Rettenbach jetzt Deutscher Meister in der Solarbundesliga.

Das muss er sein, der da über den Dachfirst lugt. Im Arbeitszeug, den Akkuschrauber in der Hand. Der Herr Bürgermeister. Wilhelm Fischer, der Zupacker. „Gehschst’ grad unten durch die Waschküch’, dann links, dann gleich rechts“, ruft er von oben. Da steht dann die Aluleiter, an der Südseite von Fischers Sonneckhof an die Dachrinne gelehnt. Der Bürgermeister empfängt heute auf dem Dach. Er erledigt die letzten Handgriffe an seinem neuen, selbst konstruierten Sonnenkollektor. Das Material hat er größtenteils vor dem Schrott gerettet. Zufrieden mit seiner Konstruktion überblickt Fischer vom Dach aus sein ganzes Rettenbach. Vorne die Höfe und Wohnhäuser. Herausragend der Kirchturm, der Maibaum. Am Horizont die immer noch schneebedeckten Alpen. Von Osten trägt der Wind den Klang von Kuhglocken herüber. Ein Allgäuer Idyll. Die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein.

Blaue Dächer

Aber dieser Eindruck täuscht. Das 771-Einwohner-Dorf Rettenbach hat sich radikal der Zukunft zugewandt. Um das zu erkennen, muss der Besucher nur die Seite wechseln, das Dorf durchqueren, auf den gegenüberliegenden Hang kraxeln und von der Südseite auf den Ort herunterschauen. Dort erstreckt sich im Vordergrund ein kleines Gewerbegebiet. Dessen Hallen haben ebenso wie viele Höfe und Wohnhäuser im Hintergrund in den letzten Jahren ihre Farbe geändert – von Rot zu Blau.

RettenbachSolarmodule wachsen in Rettenbach dichter als irgendwo sonst in Bayern, in Deutschland – wahrscheinlich in Europa. Rettenbach ist 2004 Deutscher Meister in der Solarbundesliga geworden und hat seinen Titel in diesem Jahr verteidigt. Das heißt, Rettenbach hat pro Kopf der Einwohner die größte Fläche an Solarkollektoren und Solarstrommodulen auf den Dächern.

Um die Story vom Solarboom zu erzählen, kann man natürlich im Jahr 2000 beginnen, als der Bundestag das Erneuerbare-Energien-Gesetz verabschiedete und als Bürgermeister Wilhelm Fischer die erste Solarstromanlage Rettenbachs auf seinem Bullenstall errichtete. Aber eigentlich fängt die Geschichte schon im Jahr 1978 an. Damals erging im Freistaat Bayern ein Gesetz, das kleine Dörfer ihrer Selbstständigkeit beraubte. Rettenbach wurde Teil der Gemeinde Stötten. Das hat den Bauern von Rettenbach überhaupt nicht gepasst. Sie gingen auf die Barrikaden. Der Kampf erschien aussichtslos. Fischer: „Die hatten zwar ein Gesetz gemacht, wie man eingemeindet wird, aber keins, wie man wieder raus kommt.“

Unabhängigkeitskampf

Da trat Reiner Friedl auf den Plan, ein Zugezogener, eingeheiratet aus einem Nachbardorf. Als CSU-Mitglied ließ er sich vor den Karren der Unabhängigkeitsbewegung spannen und half, politische Strippen zu ziehen. Schließlich, im Jahr 1994, war es dann so weit: Rettenbach wurde nach 16 Jahren wieder selbstständig. „Wir sind eine von fünf Kommunen, die das in Bayern jemals geschafft haben“, sagt Bürgermeister Fischer, und Stolz liegt in seiner Stimme.

Rettenbach„Der Landrat hat mir damals prophezeit: In spätestens fünf Jahren werdet ihr auf Knien angekrochen kommen, damit wir euch wieder eingemeinden.“ Aber der Kniefall ist bisher ausgeblieben. Rettenbach geht seinen eigenen Weg und ist dabei wirtschaftlich erfolgreich. Das Dorf hat heute tatsächlich keine Schulden. Wo andere Kommunen Geld ausgeben, packen die Rettenbacher selbst an. Straßen ausbessern, Schneeräumen, Kindergarten bauen, das alles passiert zum erheblichen Teil in Eigenleistung der Bürger. „Seit dem Kampf um die Selbstständigkeit gibt es einen großen Zusammenhalt. Die Leute sind bereit, Arbeit zu leisten“, sagt Fischer.

Sparsamkeit ist das eine Rezept, das zweite sind gute Einnahmen aus Gewerbe- und Einkommensteuern. Junge Leute bleiben im Dorf, denn sie finden hier Arbeit. Auch mancher, der in der nahen Kreisstadt arbeitet, blieb hier wohnen und zahlt Steuern. Denn in Rettenbach lässt es sich leben. Es gibt eine Infrastruktur, der andere Dörfer längst nachtrauern: einen Laden, einen Bäcker, eine Gastwirtschaft, Kindergarten, Rathaus, zwei Tankstellen – eine davon die erste 24-Stunden-Rapsöl-Tankstelle Deutschlands.

Solarrabatt für Grundstücke

All das, weil der Gemeinderat seine Handlungsfähigkeit nutzte. „Das war das Erste, was wir nach der Selbstständigkeitgemacht haben: Wir haben ein Neubaugebiet und ein Gewerbegebietausgewiesen“, erinnert sich Reiner Friedl. Im Wohngebiet gewährt die Gemeinde jedem Grundstückskäufer, der sich verpflichtet, eine Solaranlage aufs spätere Dach zu setzen, fünf Euro Rabatt auf den Quadratmeterpreis.

Im Gewerbegebiet werden die zweitniedrigsten Gewerbesteuern ganz Bayerns gezahlt. Den Steuersatz um glatte 100 Punkte zu senken fiel dem Gemeinderat leicht, denn in der Stunde null nach der Unabhängigkeit gab es fast kein Gewerbe und damit auch keine Gewerbesteuer. Ermuntert von der Aufbruchstimmung im Ort krempelten mehrere örtliche Jungunternehmer die Ärmel hoch, bauten im Gewerbegebiet neu und mauserten sich inzwischen zu mittelständischen Unternehmen mit fünf bis 50 Mitarbeitern.

„Das sind alles Eigengewächse“, freut sich Bürgermeister Fischer. Auch Ulrich Pfanzelt ist so ein Eigengewächs. Pfanzelt, der Zimmermeister, dessen fünf Mitarbeiter auf den Dächern der Umgebung unterwegs sind. Sie errichten Dachstühle, verlegen die roten Allgäuer Pfannen oder – in zunehmendem Maße –blaue Solarstrommodule.

Fotos: Guido Bröer

Check Also

Meisterfeier der Solarbundesliga in Chemnitz

Solarthemen 468. Erstmals wird eine Meisterfeier der Solarbundesliga in einem östlichen Bundesland stattfinden. Die Stadt Chemnitz …